Moritz Muschenich
Konzept & Gestaltung

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Die Enttäuschung

Als ich Tür des Schmelahauses öffnete, erschlug mich eine Wand aus verbrauchter stickigheisser Luft. Es war rappelvoll. Die Besucher hatten jeden Flecken der Kunststätte bevölkert. Gerade an den Plätzen, von denen aus man die Künstler sehen, standen alle dicht an dicht gedrängt. Ich kann schlechte Luft nicht ausstehen, deshalb blieb zunächst einmal in der Nähe der Tür stehen. Ich begrüsste einige bekannte Gesichter und widmete mich sogleich den Protagonisten des heutigen Abends. Ich hatte von meinem Standpunkt aus einen verhältnismäßig guten Blick auf zwei Gitarristen, einen Congaspieler, einen halben Bassisten, ein Paar sitzender Beine mit einem Computer auf dem Schoß und ein Paar Füße. Es wurde musiziert. Ich muss leider zugeben, dass meine Erwartungen bezüglich dieser Veranstaltung in diesem Moment ein wenig enttäuscht wurden. Mein erster Eindruck war, dass es sich lediglich um eine Art hippiesker Jamsession handelt, zu der eine sonderbar hergerichtete junge Dame mit Papiertflügeln Selbstgeschriebenes zum Besten gibt. Bei näherer Betrachtung irritierten mich allerdings die etwas seltsam anmutenden Zettel, die vor einigen der Musiker lagen. Sie schienen eine Art Notation zu sein, ein Regelwerk, ein Fahrplan, die Darstellung einer Systematik, die das Gespielte zusammenhält. Vielleicht waren die Tonfolgen und Klänge gar nicht willkürlich, wie  ich es zunächst vermutet hatte.
 
Die Suche

Aus meiner Sicht ergeben sich zwei Möglichkeiten zur Erschließung einer Arbeit. Die erste Möglichkeit bedeutet: Die Arbeit ergreift mich. Sie macht etwas mit mir. Sie bewegt oder vielmehr irritiert mich. Dabei mag es sich auch um eine Assoziation, eine Erinnerung, Ekel, Ablehnung oder schlichtweg um einen interessanten Gedanken handeln, der angestoßen wird. Die zweite Möglichkeit bedeutet, das ich mir über die Intention des Autors Gedanken mache. Ich spekuliere dabei über die Motivation und nicht zuletzt über seine Gedankenwelt. Ich versuche über die Betrachtung des Werks Rückschlüsse auf die Realitätskonstruktion des Autors zu ziehen. Dieser Ansatz ist aufgrund der Abgeschlossenheit der unterschiedlichen Systeme in Bezug auf die tatsächliche Gedankenwelt des Autors immer zum Scheitern verurteilt. Ich kann lediglich aus meiner Perspektive heraus mutmaßen. Allerdings generiert sie neue gedankliche, wenn auch rein selbstreferenzielle, Anschlussmöglichkeiten. Die erste Möglichkeit versagte im Schmelahaus. Es ergriff mich nicht. Es nervte. Der Klangteppich war inzwischen zu einer Art Rauschen verkommen, zu einem Hintergrundgeräusch. Die musikalischen Bezüge erschlossen sich mir nicht. Die gesprochenen Worte blieben mir unverständlich. Die Gebärde des Poetenvogels wirkte auf mich befremdlich und verstörend. Die Klänge und Worte mäanderten ziellos durch den Raum. Achselzucken. Allerdings beschlich mich wiederum ein Verdacht. Sollte es, gerade im Hinblick auf Beuys, vielleicht gar nicht um das Gespielte, Gezeigte und Gesprochene gehen?
 
Die Frage!
Was nun? Das Gezeigte folgte keinem tradierten kuratorischen Programm. Offensichtlich war es darauf angelegt jeder intentionalen Verdichtung entgegen zu wirken. Es fehlte jede Art musealer Strenge und Geschlossenheit. Es lies den Betrachter in ein Loch fallen. Das entstandene Vakuum warf ihn auf sich selbst zurück, auf die eigenen Erwartungen, vielleicht auch auf die eigenen Vorurteile. Was nun? Ich konnte mir die Frage nicht beantworten.
 
Die Antwort?

Es wurde viel miteinander geredet; spätestens als klar wurde, dass das Gezeigte auf nichts hinausläuft, keinen Höhepunkt und Fazit anpeilt. Themen dieser Unterhaltungen waren das Gezeigte, die Unterhaltung über das Gezeigte, das Geschriebene über das Gezeigte, Gott und die Welt. Es wurde reflektiert und spekuliert. Das Klangrauschen war stets präsent, zwar im Hintergrund, jedoch unüberhörbar. Es überlagerte die Diskussionen und nahm auf diese Weise akkustisch sowie inhaltlich Einzug in die Unterhaltungen. Es irritierte. Die Gespräche ihrerseits nahmen vielleicht Einfluss auf das Gespielte. Die akkustischen Grenzen verschwammen. Durch diese kommunikative Rückkopplung wurde der Betrachter selbst zum Akteur. Es enstand eine akkustische und konzeptuelle Analogie der prozesshaften Spielbewegungen der musikalischen Improvisationen und den Spielbewegungen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Beides fand statt, ob man wollte oder nicht. Unkontrollierbar schwirrte beides durch den Raum. Vielleicht wurde der Raum zum Medium des Austauschs, die Veranstaltung und die Akteure zum Impulsgeber. Eine Frage stellte sich mir am Ende: Wurde durch diese Veranstaltung anders miteinander geredet, als ohne sie? Vielleicht ist das gleichgültig. Hauptsache es wurde geredet.

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Rubrik: Propaganda, Rezension, Text